Mimis „Tsunami“

Es war am Tag vor Heiligabend morgens früh gegen 6 Uhr. Wie fast täglich war ich am Strand von Mount Lavinia, um meine Sport-und Yoga-Übungen zu machen. Tags zuvor war ich bei unserer Tsunami-Gedenkveranstaltung in Hikkaduwa, wo wir einen Workshop mit unseren Tsunami-Kindern und deren Familien durchgeführt hatten. Es war ein Tag, den man so leicht nicht vergessen kann, voller beeindruckender Momente und Begegnungen. Mein Kopf war voll von all dem, was ich dort erlebt hatte.

An jenem 23. Dezember 2013 begleitete mich mein Neffe Madawa; er wollte mit mir bei Sonnenaufgang am Strand sein. Er ist ein junger Mann, der dieses Jahr sein Abitur machen wird. Am Strand angekommen trennten sich unsere Wege, denn jeder wollte unabhängig vom anderen sein Übungsprogramm machen.

Nach den kleinen Fischerhäuschen, die am Strand entlang errichtet sind, erstreckt sich ein weiter Strand bis zum berühmten Mount-Lavinia-Hotel in der einen Richtung und in anderer Richtung kilometerweit fast bis Colombo. Jeden Morgen bewegen sich dort Tausende Menschen, Einheimische wie Touristen, Sportler, Jogger, Junge und Alte. Sie alle genießen die frische Meeresbrise des Indischen Ozeans vor und bei Sonnenaufgang. Während meiner vielen Strandgänge beobachtete ich auch mindestens 20 frei lebende Hunde...

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Menschen, die kleine Hunde und Katzen loswerden wollen, sie am Strand oder in Tempeln aussetzen. Die Tiere finden dann ihren eigenen Weg...

In einiger Entfernung vom Meer verläuft am Strand entlang die Eisenbahn.

Viele Züge, die meisten überfüllt, verkehren in sehr kurzen Abständen nach Colombo. Morgens ist richtig etwas los; viel Interessantes ist zu sehen und zu erleben: Sonnenaufgang, Fischer mit ihren Netzen und Booten, Jogger, Yoga-Übende, viele, viele Strandgänger und immer wieder in kurzen Abständen vorbeiratternde Züge voller Menschen, die zu ihren Arbeitsplätzen fahren.

An jenem Morgen beobachtete ich während meiner Übungen eine wunderschöne Szenerie: drei kleine schwarze Welpen spielten unbeschwert mit ihrer Mutter. Staunend beobachtete ich das Quartett, freute mich an deren unbändigem Spiel, das für mich ein Symbol von Freiheit war.

Ein Fischer erklärte mir, die Hunde seien hier geboren worden, ursprünglich 7 an der Zahl. Die anderen 4 Hunde seien von verschiedenen Strandbesuchern mitgenommen worden, diese 3 seien übrig geblieben.

Mein erste Frage war, warum gerade diese 3 zurückgeblieben seien. Er lächelte nur und sagte, diese seien weibliche Tiere... Ohne weitere Bemerkungen ging er in Richtung seines Katamarans und ein wenig später war er bereits mit seinen Netzen weit draußen im Meer.

In Indien machte ich die Erfahrung, dass bei vielen Menschen nur Jungen als Kinder erwünscht sind, Mädchen bringen Unglück, glauben sie. Besteht ein Zusammenhang zu den Hunden?

Fragen über Fragen stellten sich mir, während die 3 kleinen Hunde unbeschwert mit ihrer Mutter im Sand spielten. Diesen friedlichen Anblick wollte ich mit meinem Neffen Madawa, der sehr tierlieb ist, teilen.

Ich machte mich auf die Suche nach ihm, lief vorbei an den vielen Menschen, die sich am Strand tummelten, und fand ihn nach einigen Minuten: ganz der Beobachtung der Sonne hingegeben stand er da.

Ich erklärte ihm, was ich kurz zuvor bewunderte und gemeinsam machten wir uns auf Richtung Mount-Lavinia-Hotel, wo die 3 Hunde und ihre Mutter sich befanden. Doch als wir ankamen, waren nur noch zwei kleine Hunde da, die Mutter und das 3. Hündchen fehlten. Da bemerkten wir eine kleine Ansammlung von Menschen bei den Eisenbahnschienen und zwischen ihnen rannte wie verrückt und jaulend die Hundemutter herum, wie wenn sie um Hilfe rufen würde. Wir gingen nicht sofort dorthin, sondern beobachteten.

Ein Jogger kam von dort, ihn fragte ich, was los sei. Seine Antwort: Ein kleiner Hund wurde von einem Zug überfahren und nun rennt die Mutter wie verrückt umher, als ob sie um Hilfe für ihr Kind fragen würde.

Wir bewegten uns an den Menschen vorbei zur Bahnlinie hin und sahen, wie ein Fischer das Hündchen von der Schiene wegschnappte und Richtung Strand brachte, denn der nächste Zug näherte sich bereits. Er kümmerte sich nicht weiter um das Tier, sondern lief zu seinem Boot. Bald hatten sich mehrere Menschen um das Hündchen und seine Mutter versammelt. Auch wir stellten uns dazu.

Aus den Vorderbeinen des kleinen Hundes floss viel Blut, das die Mutter mit ihrer Zunge aufzulecken versuchte. Die kleinen Beinchen waren schwer verwundet oder teilweise abgetrennt, so genau konnte ich das wegen des Blutes und der unzähligen Fliegen, die um das Hündchen herumschwirrten, nicht sehen. Die Umherstehenden beobachteten das Ganze und gingen dann mit traurigem Gesichtsausdruck ihrer Wege. Niemand kam auf die Idee, etwas zu unternehmen.

Aber mein Neffe Madawa fragte mich sofort: „Können wir etwas tun für das verletzte Tier?“ Zunächst einmal waren wir so hilflos wie die anderen, die das verletzte Tier sahen, eine Weile stehenblieben und sagten: „Oh, das arme Hündchen ist tot.“ Andere meinten: “Bald wird es sterben. “ Als erstes versuchten wir, die lästigen Fliegen zu vertreiben.

Ein bisschen Angst, nahe an das Hündchen heranzugehen, hatten wir auch, denn die Hundemutter war unberechenbar in ihrer Sorge um ihr Junges. Wir fürchteten, von ihr angegriffen zu werden. Aber dem war nicht so; die Mutter ließ es geschehen, dass wir uns dem verletzten Tier näherten, während sie die Wunden leckte. Ihre Augen baten um Hilfe für ihr Kind, das trotz großen Blutverlustes noch lebte, denn wir hörten sein leises Wimmern.

Inzwischen war es ungefähr 6.30 Uhr. Die Neugierigen hatten sich längst zurückgezogen, als plötzlich ein junger Mann auf uns und die Hunde zukam und das blutüberströmte kleine Etwas ohne großes Zögern in seine Hände nahm, uns bedeutete, dass es noch am Leben sei und Hilfe brauche. Die Hundemutter störte ihn nicht, blieb ihm und uns aber dicht auf den Fersen.

Mit einem Mal wandten sich die noch Umherstehenden ab, denn Hilfe leisten wollten oder konnten sie nicht. Nur wir drei, mein Neffe, der junge Mann, Champika mit Namen, wie er uns sagte, und ich blieben zurück mit dem verletzten kleinen Hund und dessen Mutter.

Champika wickelte den Hund in altes Papier, das am Strand herumlag, und zu dritt gingen wir los, um irgendwo ein Taxi aufzuspüren, das uns zu einem Tierarzt bringen könnte. Bald trafen wir einen Threewheeler-Fahrer, der uns freundlicherweise zu einem Arzt brachte. Wir warteten dort 30 Minuten und als wir an der Reihe waren, verweigerte der Arzt eine Behandlung. Bis heute wissen wir nicht warum.

Wir drei hilflosen Gestalten fuhren zu einer anderen Klinik; dort warteten wir ungefähr eine Stunde. Als die Tierärztin das Hündchen sah, weigerte auch sie sich, es zu behandeln. „So eine Schande,“ sagten wir. „Wie kann man so grausam sein!“ Madawa legte sich an mit ihr, forderte erste Hilfe für das Tier. Aber ich ließ mich nicht auf eine Diskussion ein; wir verließen umgehend die Klinik.

Es gibt eben gute und schlechte Menschen überall auf der Welt, war unser Fazit. Wir waren grenzenlos enttäuscht. Wieder brauchten wir ein Taxi. Während wir warteten, bemerkten wir, dass es bereits 9 Uhr war. Fast drei Stunden lang war das arme Tier nun ohne erste Hilfe nach seinem schrecklichen Unfall mit dem Zug.

Als wir so hilflos am Straßenrand nach einem Auto Ausschau hielten, wandte ich mich nach ein paar Minuten an den Polizisten, der nicht weit weg von uns den Verkehr regelte. Ich ging zu ihm hin und schilderte unsere Erlebnisse. Er war sehr freundlich, wusste eine Tierklinik, organisierte sogar einen Threewheeler-Fahrer und wünschte uns und dem Tier viel Glück. Inzwischen hatte jeder von uns dreien überall Blutspuren, denn das Blut floss weiter aus den kleinen Hundebeinchen.

Als wir die Klinik, die der freundliche Polizist uns genannt hatte, erreichten, warteten bereits viele Tiere auf eine Behandlung. Mit unseren blutverschmierten Händen und Kleidern bahnten wir uns einen Weg durch die Menge. Es war fast ein Schockerlebnis für alle Anwesenden. Kurz erzählten wir unsere Erlebnisse dem anwesenden Tierarzt, der das Hündchen sofort aufnahm, seine Wunden säuberte und ihm eine Spritze gab.

“Warum kam das Hündchen nicht um bei dem Unfall? Es wäre besser gewesen für es. Jeder, der es sieht, fühlt sich schlecht. Die Vorderbeine sind schwer verwundet und müssen vielleicht amputiert werden. Oh , du armer Hund!“

Das waren die Kommentare des Doktors. Außerdem wies er darauf hin, dass die Überlebenschancen 50 zu 50 stünden. „Wenn das Hündchen morgen noch lebt, bringen Sie es wieder zu mir,“ sagte er. Als ich ihn für seine Dienste bezahlen wollte , nahm er kein Geld an - weder für die Behandlung noch für die Medizin. Er brachte seine Hochachtung uns gegenüber zum Ausdruck, die wir keine Mühe gescheut hätten, dem Tier zu helfen. Da das Tier nicht in der Klinik bleiben konnte, denn es gab dort keine entsprechenden Einrichtungen , stellte sich die Frage : Wohin mit dem Tier? Klar war, dass wir den Hund in diesem Zustand nicht zurück zum Strand bringen konnten.

Champika, der am Strand den Hund so beherzt in seine Hände genommen hatte, ist ein Student und lebt in einem kleinen Zimmer in Mount Lavinia.

Also nahmen wir den Hund mit zu uns nach Hause.

Alle zu Hause waren geschockt, als wir ihnen erzählten, was sich abgespielt hatte, und waren mit Madawa und mir der Meinung, dass der kleine Hund von uns versorgt werden würde. Auf Anweisung des Tierarztes hielten wir den verletzten Hund in einem größeren Pappkarton, den wir mit einem Netz bedeckten, das die Fliegen und andere Insekten abhielt. Den Karton stellten wir unter einen Deckenventilator. Der Hund litt große Schmerzen, immer noch bluteten seine Wunden. Der kleine Körper bewegte sich hin und her - wimmernd, jaulend...

Wir alle fühlten uns ziemlich hilflos und waren darauf gefasst, ihn am nächsten Morgen tot zu sehen. Gegen 5 Uhr stand ich auf und ging voller Sorge zu dem kleinen Hund.

Doch, oh Wunder! Der Hund lebte, schaute mich hilflos mit treuen Augen an. Blut war überall um ihn herum. Wir säuberten ihn, betteten ihn auf ein frisches Tuch und versuchten, ihn zu füttern. Er konnte sein Maul nicht öffnen, deshalb flößte meine Schwester ihm mit einer umfunktionierten Plastikspritze etwas Milch ein.

Der Tag begann damit, das Tier zu dem freundlichen Arzt zu fahren. Er behandelte ihn sehr gut, legte neue Verbände an, gab ihm Vitamine und Antibiotika sowie zwei Spritzen. Er machte uns Hoffnung , dass das Hündchen überleben könnte...

Aber jeden Morgen fuhren wir mit dem Taxi zu dem Arzt, der auch weiterhin für die Behandlungen kein Geld nahm. Sogar die Taxifahrer verzichteten zuweilen auf ihren Lohn oder fuhren zum halben Preis...

Der Hund erholte sich bald und erhielt viel Zuwendung von allen in der Familie, den Freunden und Nachbarn.

Am 26. Dezember hatte ich den Hund, wie schon öfter zuvor, mit dem Karton in unseren Garten gestellt, damit er frische Luft und Sonne bekäme. Ich saß im Wohnzimmer und las ein Buch. Während des Lesens sah ich plötzlich etwas wie einen großen Ball vom Himmel in unseren Garten fallen und gleich danach ein lautes Jaulen unseres Hundes. Ich rannte hinaus und sah, wie ein Adler versuchte, den kleinen Hund aus dem Karton wegzutragen.

Ich schrie laut, rannte zu dem Raubvogel, der daraufhin von dem Hund abließ und unverrichteter Dinge davon flog. Zum zweiten Mal war das Leben des kleinen Hundes gerettet!

Nach einigen Tagen riet uns der Doktor, dem Hund dreimal täglich 3 Löffel Reis und etwas gekochten Fisch zum Fressen zu geben. Elf Tage nach dem Unfall war ein Bein so gut verheilt, dass er langsam laufen konnte. Er fraß gut. Nach Meinung des Doktors war der Hund ungefähr sechs Wochen alt.

In unserer engeren und weiteren Nachbarschaft hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, dass Jayantha, der aus Deutschland wieder einmal zu Hause zu Besuch weilte , am Strand einem durch einen Zugunfall schwer verwundeten kleinen Hund das Leben rettete und dass der Hund von der Familie versorgt würde... Madawa und ich wurden, wo immer wir in Mount Lavinia unterwegs waren, von den unterschiedlichsten Menschen auf die Hundegeschichte angesprochen. Das Hündchen war Tagesgespräch! Eine Sonntagszeitung wollte sogar eine Geschichte über die Rettung des kleinen Hundes veröffentlichen.

Während der letzten Tage vor meiner Abreise nach Deutschland schlief der Hund regelmäßig unter meinem Bett, er fühlte sich wohl dort...

Viele meiner Freunde, die von dem Hündchen gehört hatten, kamen, um es zu besuchen. Der Hund brauchte immer noch Medizin, aber konnte laufen und spielen.

Unser Tsunami-Projektleiter, der buddhistische Mönch Ven. Bodananda, kam sogar extra nach Mount Lavinia, um den Hund anzuschauen und zu segnen. Auch Mrs. Peiris und Mr. Gamage statteten dem Hündchen einen Besuch ab.

Madawa gab dem Hund einen Namen: MIMI.

Mimi bekam am 9.1.14 sogar Besuch aus Deutschland, aus Calw: Sigrid Weiß und Frau Dengler freuten sich, bei ihrem Besuch bei uns auch Mimi sehen zu können!

Am 14. Januar, dem Tag meiner Abreise, kam Mimi nicht in mein Schlafzimmer. Sie saß gemütlich in unserem Wohnzimmer zwischen meinen Sportschuhen, spielte mit meinen Socken, nahm sie in ihr kleines Maul und schaute mich mit traurigen Augen an. An diesem Tag wollte sie nicht essen.

Mag sein, dass sie spürte, dass ich bald nicht mehr da sein würde. Tiere haben in mancher Hinsicht feinere Gefühle als Menschen...

Bis heute sind Madawa, Champika und ich glücklich, dass wir Mimis Leben retten konnten nach diesem schrecklichen Unfall auf den Eisenbahnschienen.

Und wir sind dem Arzt dankbar, der den Hund behandelte, ohne einen Cent dafür zu nehmen.

Nach diesem Ereignis am 23.12.13 lief ich weiterhin wie gewohnt morgens zum Strand, um meine Übungen zu machen. Immer wenn ich die Hundemutter mit ihren zwei übriggebliebenen Hunden sah, ging ich zu ihnen hin und sagte: „Deine Tochter, eure Schwester, lebt bei uns. Es geht ihr gut. Sie bringt Freude in unsere Familie...“

Zurückgekehrt nach Deutschland spreche ich oft mit meinem Neffen über Skype. Mimi hält er in seinen Händen; so kann ich sehen, wie sie Fortschritte macht. Gegen Ende unserer Gespräche sage ich jedesmal zu Madawa:

„Achte darauf, dass Mimi nicht von dem Adler weggetragen wird.“